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"Mit Gegenwind muss man Leben"

Noch vor dem letzten Heimspiel der Kiezkicker gegen Arminia Bielefeld haben wir mit Sportchef Andreas Bornemann über die Hinrunde 2019/20, das personliche Empfinden bei negativen Ergebnissen und die Aufgaben für die Rückrunde gesprochen.

Moin Andreas, wie ordnest Du die Hinrunde 2019/20 ein?

Man muss in der Analyse differenzieren. Wenn man nur die Tabelle und die Punkteausbeute betrachtet, ist die Hinrunde unbefriedigend. Blickt man aber etwas genauer hin, sieht man eine Mannschaft, die sehr gute Phasen hatte. Gerade die Spieltage um den Derbysieg herum stechen natürlich hervor. In manchen Zeiträumen hat sich die Mannschaft deutlich unter Wert geschlagen geben müssen. Wir haben es nicht geschafft, unsere gute Phase fortzusetzen. Bei genauerer Betrachtung kann man einen Zusammenhang erkennen, wann wir guten und attraktiven Fußball gespielt und wann wir viele Spieler zur Verfügung hatten. Diese Phasen liegen sehr eng beieinander.  

Es bleibt nicht aus, dass in Phasen ohne Erfolg der mediale Gegenwind zunimmt. Berührt Dich das persönlich oder gehst Du aus der Tür Deines Büros und kannst es hinter Dir lassen?

Das gehört zum Fußball dazu und hat man zu akzeptieren. So sehr du dich freust, wenn es läuft und du die positive Resonanz mitnimmst, so musst du in umgekehrten Phasen damit leben, wenn der Gegenwind zunimmt. Es wäre gelogen, wenn man sagt, dass einen das nicht berührt. Das kann keiner einfach so abstreifen. Das Entscheidende ist, dass man es trotz allem noch schafft, einen rationalen und nüchternen Blick auf die Thematik zu behalten und nicht in Aktionismus und Hektik verfällt. Es gilt, die Situation anzunehmen, sie aufzuarbeiten und zu analysieren. 

Wie behält man in solchen Phasen den Blick für’s Wesentliche und wie wird Deine tägliche Arbeit dadurch beeinflusst?

Niederlagen musst Du immer mehr erklären als Erfolge. Wenn es läuft, stehen die Spieler im Fokus und das ist auch richtig so. Wenn es aber nicht läuft, nehmen die Fragen nach Erklärungen für den Misserfolg extrem zu. Den Überblick behält man in der Regel durch Erfahrung. Ich bin nun bereits ein paar Jahre im Fußball-Geschäft und war bei Vereinen, die Phasen hatten, in denen es auch mal nicht so gut lief. Aus diesen Jahren habe ich Erfahrungswerte mitgenommen, die einem in solchen Situationen helfen.

Hand auf’s Herz. Wie oft telefonierst Du in solchen Phasen mit Jos oder Oke?

Das ist ganz unabhängig von der sportlichen Situation. Ich habe mit Jos einen täglichen Austausch und auch mit Oke spreche ich fast täglich. Das ist auch wichtig, wenn man eine gemeinsame Idee und eine Geschlossenheit lebt. Ich erachte es als unabdingbar, dass der Verein in seinem Kern geschlossen ist und zusammensteht. Nur so hat man in schweren Phasen die Chance, das Blatt zu wenden.

Sportchef Andreas Bornemann im Gespräch mit Präsident Oke Göttlich vor dem Spielertunnel im Millerntor-Stadion.

Sportchef Andreas Bornemann im Gespräch mit Präsident Oke Göttlich vor dem Spielertunnel im Millerntor-Stadion.

Wie sieht Dein Austausch mit dem Team aus?

Wir haben zum Glück einen sehr erfahrenen Trainer. Es ist auch für ihn keine neue Situation. Da liegen die Ansprache und Führung natürlich bei ihm. Ich bin situativ und punktuell gefragt. Da mein Büro an der Kollaustraße ist und ich bei den Spielen auf der Bank sitze, bin ich nah an der Mannschaft. Sicherlich macht es Sinn, dass ich zum gegebenen Zeitpunkt meine Sicht der Dinge schildere, doch der regelmäßige Austausch und die Mannschaftsführung ist primär Sache von Jos.

Welche Lehren ziehst Du aus der Zeit nach der Länderspielpause im Oktober?

Natürlich fragen wir uns, wie es zu den negativen Ergebnissen gekommen ist. Mit Blick auf die Spiele gegen Heidenheim oder Darmstadt waren es Unachtsamkeiten bei Standardsituation. Und da fügt sich auch das Heimspiel gegen den KSC an. Hier waren wir nah am dritten Tor und kurz vor einem deutlichen Heimsieg. Diese Chancen haben wir leichtfertig hergegeben. Diese Partien haben wir hergeschenkt und danach lange gebraucht, um wieder erfolgreich zu sein. Es ist schwer, in der Retroperspektive zu sagen, dass man in der täglichen Arbeit etwas hätte anders machen sollen. Uns hat in der Phase ein wenig die Entschlossenheit und das Quäntchen Glück gefehlt, das man braucht, um in solchen Begegnungen zu punkten.

Was muss der FCSP in der zweiten Saisonhälfte besser machen?

Wir müssen dafür sorgen, dass wir weniger verletzungsbedingte Ausfälle haben. Ich hatte es bereits anfangs gesagt, dass, als sich ein Kern herausgebildet hat und die Konkurrenzsituation enorm war, wir über die Ergebnisse ein gewisses Selbstverständnis entwickelt haben. Umgekehrt sieht man das auch an der Anzahl der eingesetzten Spieler. Es ist nicht so, dass der Trainer jede Woche eine neue Idee hat. Jeder Trainer strebt eine stabile Formation an, die er weiterentwickeln kann. Jos wird aber häufig zu Veränderungen gezwungen. Daher wird unser Hauptaugenmerk sein, dass wir von größeren Verletzungsausfällen verschont bleiben. 

Du sprichst es schon an. Oft diskutiertes Thema im letzten halben Jahr war der große Kader. Gerade in den vergangenen Spielen und wahrscheinlich auch heute gegen Bielefeld zeigt sich, dass dieser notwendig war und ist. Wie bewertest Du diese Thematik?

Eigentlich kannst Du bei einer solchen Kadergröße einigen Spielern nicht gerecht werden. Die Gefahr der Unzufriedenheit einiger Spieler ist hierbei sehr groß. Doch diese Gefahr bestand nur kurze Zeit und das in unserer sportlich besten Phase. Seit der zweiten Länderspielpause bis heute sind wir froh über die Größe der Gruppe.

Mit Sicherheit hast Du vor Deinem Amtsantritt ein paar Dinge über den Verein gehört und hattest gewisse Erwartungen. Inwiefern haben sich diese bestätigt und was hat Dich hier beim FCSP überrascht?

Dass der FC St. Pauli ein Verein ist, der von Emotionen getragen wird und auch in schlechten Phasen zueinandersteht, habe ich vorher gehört. Natürlich ist es aber auch schön, wenn man diese Unterstützung selbst miterlebt. Das war auch vor dem Spiel gegen Wiesbaden ein wichtiger Faktor, denn die Vorzeichen waren nicht gut und man konnte sich trotzdem darauf verlassen, dass die Mannschaft von den Tribünen unterstützt wird. Das habe ich bereits anders erleben müssen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Fotos: Witters

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